Die Börsenwelt zelebriert das Abwenden einer Katastrophe, von der sie ohnehin nicht angenommen hat, dass sie eintritt. Die Rede ist vom Budgetstreit, bei dem im Verlauf der Woche alle Anzeichen auf einem Kompromiss standen, womit eine Pleite der USA vorerst abgewendet scheint. Das Resultat dieses Zirkelschlusses: ein deutscher Leitindex DAX, der bis Redaktionsschluss auf einen Rekord-Intraday-Kurs von bis zu 8783 Punkten stieg. Die auch in BÖRSE ONLINE geäußerte und bislang als recht radikal eingestufte Ansicht von Tim Albrecht, Fondsmanager bei Deutsche Asset & Wealth Management, wonach der Index per Jahresende auf 9000 Punkte klettern könnte, gewinnt damit neue Relevanz. Andere europäische Indizes HAUSSE ziehen ebenfalls deutlich ins Plus. Neben denen der Eurozone profitiert auch der britische FTSE vom Rückenwind aus Washington.
Besonders positiv für den Finanzplatz London ist dabei, dass der Börsengang von Royal Mail in den aktuellen Hausseverlauf fällt und das größte Privatisierungs projekt des Landes seit den 90er- Jahren einen entsprechend phänomenalen Start erwischt hat. Auch in den USA geht man auf Rekordjagd. Der Dow Jones war zuletzt nur noch ein gutes Prozent von seinem Rekordhoch bei 15 700 Punkten entfernt, dem breiter gefassten S & P 500 fehlten 2,5 Prozent. Dass die Risiken aus Händlersicht im Abklingen sind, spiegelt auch der Goldmarkt wider. Der Wert der Feinunze ist deutlich abgerutscht und nähert sich wieder 1200 Dollar — also in etwa dem Niveau, bei dem das Edelmetall seinen Crash Ende Juni stoppen konnte.
Ebenfalls positiv: Mit der Ernennung von Janet Yellen zur Nachfolgerin Ben Bernankes an der Spitze der US-Notenbank Federal Reserve wurde der monetäre Unsicherheitsfaktor definitiv aus dem Weg geräumt. Die Botschaft: Vorerst bleibt alles beim Alten. Die De-facto-Nullzinspolitik wird fortgesetzt, dem Markt Liquidität nur dann ent zogen, wenn er konjunkturell tragfähig ist und wirklich auf Teile der Fed-Gelder verzichten kann. So weit die guten Vorzeichen. Doch es gibt auch Risikofaktoren.
Denn ein Kompromiss in den USA zwischen oppositionellen Republikanern und regierenden Demokraten läuft auf eine zeitlich limitierte Anhebung des Schuldenlimits hinaus. Dann wären wiederkehrende Unsicherheiten um die Zahlungsfähigkeit der USA und als „Sequester“ bekannte, tiefe Budgeteinschnitte programmiert. Ob die Kurse auch dann so solide halten, muss hinterfragt werden, da die Bewertungen der einzelnen Indizes bereits recht hoch sind. Verstärkt muss deshalb Stock-Picking, die Suche nach individuellen Aktien mit Aufholpotenzial, betrieben werden. Für Anleger, die in solchen Zeiten nach Orientierung suchen, kommt der Verlauf der neuen Berichtssaison gerade recht (siehe Termine unten). Schwergewichte wie Boeing, SAP oder GlaxoSmithKline liefern quer über Zeitzonen und Branchen Aufschluss über den jeweiligen Geschäftsverlauf.
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